Tango-Therapie

 

Wie passen Tango und Therapie zusammen?

Der argentinische Tango ist ein Paartanz, der auf unmittelbarer gegenseitiger Kommunikation beruht. Über das Prinzip von „Führen und Folgen“ wird die jeweils nächste Bewegung angekündigt, die in der Folge dann gemeinsam ausgeführt wird. Dieses Zusammenspiel kann unglaublich fein und beinahe synchron erfolgen und tiefste Glücksgefühle von Verbindung und Einssein in uns hervorrufen. Genauso können sich aber auch alle Kommunikationsblockaden und sonstige Hindernisse zeigen, die erst überwunden werden müssen, um diesen besonderen Zustand – den Tango-Himmel :-) – zu erreichen.

Neben den üblichen Kommunikationspannen und -fallen wie das Versanden der Botschaft aufgrund von Unklarheit, mangelnder Aufmerksamkeit oder fehlender Reaktionsfähigkeit können auch unsere persönlichen Prägungen stark in die Beziehung und Situationswahrnehmung hineinspielen. Mein Selbstverständnis als Mann oder Frau sowie mein Verhältnis zum anderen Geschlecht lassen mich auf eine bestimmte Weise (re)agieren, die nicht immer gut und förderlich für das Zusammenwirken im (Tanz)Paar ist.

Da unser Körper all unsere Erfahrungen von frühester Kindheit an gespeichert hat, können wir hier Informationen über tief verborgene, aber sehr wirksame Muster gewinnen. Wenn wir unsere fokussierte Aufmerksamkeit darauf richten, offenbaren unsere unbewußten Körperreaktionen, Bewegungsmuster sowie unsere Haltung, welche Prägungen wir tief uns tragen und wie diese von dort aus nach außen unser Leben mitgestalten. In der Regel sind die Beziehungserfahrungen mit unseren Eltern – Vater wie Mutter – von zentraler Bedeutung für unser heutiges Bindungsverhalten. Sie haben die Grundlage für die Polarität von „männlich“ und „weiblich“ in uns angelegt und werden vom Tango meisterlich aufgespürt.

Dabei lassen sich verschiedene Verhaltensmuster und Reaktionsweisen entdecken, die wir auch über die Art, wie wir Tango tanzen, ausdrücken. Im Rahmen der Arbeit mit dem Tango können wir somit als ersten Schritt wahrnehmen und durchleuchten, wie wir uns in einer getanzten Beziehung bewegen – und jede lebendige Partnerschaft vollzieht tatsächlich einen Tanz aus Gefühlen, Impulsen, Veränderungen und Reaktionen. Bei der Beschäftigung mit unsrem „inneren Tanz“ können wir bestimmte Leitfragen zu Hilfe nehmen: Welche Ausrichtung habe ich? Welche Energien, Kräfte und Fähigkeiten stehen mir zur Verfügung? Wo bin ich unbewußt und daher nicht präsent? Kann ich mich und meinen Gegenüber wahrnehmen und wertschätzen? Bin ich überhaupt bereit, mich auf eine (Tanz-)Beziehung mit der entsprechenden Verantwortung einzulassen? Welche Wünsche und Bedürfnisse zeigen sich? ...

In der Folge können dann gezielt Veränderungsimpulse gesetzt und neue Erfahrungen angelegt werden. Dies braucht – wie jeder tatsächliche Prozeß der Selbstveränderung – ein gewisses „Dranbleiben“, weswegen wir gerne mit Gruppen über einen Zeitraum von mehreren Abenden arbeiten. Doch auch ein intensives Tages- oder Wochenendseminar kann einen spürbaren Transformationsschub auslösen und starke Impulse für Erkenntnisprozesse geben. Generell gilt, daß die Arbeit in der Gruppe eine Vielfalt an Begegnungsmöglichkeiten eröffnet und sich über klärende Spiegelungen und ehrliches Feedback ein neues bzw. aktualisiertes Selbstbild eines jeden Einzelnen verankern kann. Von zentraler Bedeutung ist aber, dass die Teilnehmer sich gegenseitig einen starken und liebevollen Raum für Verständnis und Selbstannahme schenken.

 

 

Tango-Therapie – nicht nur für Tango-Tänzer geeignet

Grundsätzlich ist es möglich, Tango-Therapie für Menschen ohne jede Tanz- oder Tangokenntnisse sowie für langjährige und engagierte Tänzer gleichermaßen anzubieten. Wir haben gemischte Gruppen aus absoluten Anfängern und tanzflächenerprobten Milongueros geleitet und intensive Erfahrungen geteilt. Dennoch kann es sinnvoll sein, hier zu unterscheiden und abgestimmte Formate anzubieten. 

Bei den Tango-Neulingen lassen sich wunderbar die ersten Erfahrungen mit dem Prinzip von Führen und Folgen verwenden, um buchstäblich ganz frische Eindrücke zum Kommunikationsverhalten zu erleben und die noch unbearbeiteten Bewegungsmuster anzuschauen. Wir vermitteln hier zentrale Grundlagen des Tango Argentino (wie das gemeinsame Gehen, musikalische Variationen, den Ocho etc.), achten aber von Beginn an darauf, nicht am Schrittmaterial hängenzubleiben, sondern die Gefühle, Erlebnisse und Schwierigkeiten bei der tänzerischen Umsetzung bewusst wahrzunehmen und auszuwerten. Gerade bei den Grundlagen des Tango Argentino arbeiten wir im „Beziehungsherzstück“ und am Fundament unseres Selbst im Kontakt mit Anderen.

Bei den Tango-Tänzern können wir dagegen direkt auf die vorhandenen Kenntnisse zugreifen sowie auf persönliche Ausprägungen und Details eingehen. Anhand von vertrauten Figuren schauen wir: was zeigt sich über mich in der Art und Weise, wie ich dieses Passage tanze? Warum tanze ich bestimmte Figuren und andere nicht? Vor welchen Situationen oder Bewegungen „drücke“ ich mich? Stelle ich eher mich oder den/die Tanzpartner/in in den Mittelpunkt? Auf welcher Ebene gehe ich in Kontakt? Sehr spannend für die Analyse des eigenen Beziehungsverhaltens ist auch die Frage, welche Achse man schützt bzw. aufgibt: bewahre ich unter allen Umständen die eigene Achse oder entscheide ich mich im Konflikt für die Beziehungsachse? Wem oder was gebe ich den Vorrang? So lassen sich auf der Grundlage des Tango bestimmte Verhaltensmerkmale ablesen und in größere Zusammenhänge setzen. Über diese Arbeit können wir nach den maßgeblichen Ursachen schauen und – wenn für nötig befunden – positive Veränderungen einleiten.

 

 

Entstehung der Tango-Therapie

Obwohl der argentinische Tango auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken kann und der Tanz an sich schon immer heilsam gewirkt hat (schließlich wurde er aus Nöten und Einsamkeit heraus geboren), ist die so genannte Tango-Therapie erst vor etwa mehr als fünfzehn Jahren entstanden. Nach und nach werden weltweit wissenschaftliche Studien gemacht, die diesen Ansatz erforschen und tatsächlich dem Tango besondere Wirkungsweisen zuschreiben (siehe Artikel unten). So eignet sich Tango neben dem Aspekt der Selbsterfahrung und als beziehungs- oder paartherapeutisches Medium insbesondere auch für Alzheimer-Patienten.

 

 

Artikel über Tango-Therapie

"Der Körper spricht - das heilsame Tangotanzen" von Harriet Oerkwitz in Konzert der Stille

"Entspannende Erotik" von Matthias Matting im Focus

"Tango Therapy: The Healing Embrace" von Anette Berve in The Argentina Independent

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